Wir werden immer mehr Menschen auf dieser Erde. Und gleichzeitig werden es immer weniger, die bereit sind, sich wirklich umeinander zu kümmern.
In der Pflege fehlen Hände. In Schulen fehlt Zeit. In Familien fehlt Geduld und Achtsamkeit.
Und während die Gesellschaft nach Lösungen sucht, denken wir darüber nach, Roboter einzusetzen, die mit alten Menschen sprechen sollen, damit sie sich weniger einsam fühlen.
Ein Fortschritt? Vielleicht. Ein Symptom? Ganz sicher.
Wir arbeiten weniger – und verlieren dabei uns selbst
Gleichzeitig sinkt unsere durchschnittliche Arbeitszeit. Wir müssen weniger arbeiten, haben mehr Freizeit, mehr Freiraum. Und doch scheint die Leere größer zu werden. Arbeit war nie nur Broterwerb. Sie war ein Teil von uns. Etwas, das uns verband, forderte, formte. Etwas, das uns das Gefühl gab, gebraucht zu werden, sinnstiftend zu sein.
Wenn Arbeit verschwindet, verschwindet damit auch ein Stück Identität.
Und wenn gleichzeitig echte Begegnungen seltener werden, beginnen wir, unsere Menschlichkeit an Maschinen zu delegieren – zuerst an Bildschirme, dann an Algorithmen, und irgendwann sehr sicher sogar an humanoide Roboter.
Komfort kann uns unmerklich entmenschlichen
Technologie ist eigentlich bestrebt, uns mehr und mehr zu entlasten. KI erstellt und wählt für uns Musik, Produkte, Filme, Routen, Urlaubsorte und Nachrichten. Sie nimmt uns Entscheidungen ab, schenkt uns das Gefühl, stilsicher und effizient zu sein.
Aber was, wenn dieser Komfort uns langsam taub macht? Wenn wir so sehr daran gewöhnt sind, dass Systeme uns verstehen, dass wir verlernen, einander zu verstehen? Vor allem, aber uns selbst zu sehen und zu verstehen.
Individualität wird dann zum Designmerkmal, Kreativität zum Algorithmus. Wir glauben, frei zu wählen, während wir längst geführt werden.
Die stille Erosion der Empathie
Empathie war nie laut. Sie ist still, unökonomisch, ineffizient. Sie kostet Zeit, Geduld, Zuwendung. Vielleicht ist sie genau deshalb vom Aussterben bedroht, obwohl immer mehr danach gerufen wird.
Wenn Maschinen Gespräche mit Menschen führen, weil niemand sonst mehr Zeit hat, ist das keine technische, sondern eine ethische Zäsur.
Sie zeigt, dass wir begonnen haben, Fürsorge zu outsourcen. Doch Fürsorge ist keine Funktion. Sie ist Haltung.
Und sie beginnt nicht mit „Wie kann ich helfen?“, sondern mit „Ich sehe dich.“
Vielleicht ist das die eigentliche Frage unserer Zeit
Nicht, was Maschinen künftig alles können. Sondern: Was wir Menschen eigentlich alles verlernen.
Wir sprechen über künstliche Intelligenz, aber selten über die natürliche – die emotionale, die soziale, die zwischenmenschliche. Wir sollten mehr daran arbeiten, das Unperfekte auszuhalten. Das Nicht-Wissen, das Zuhören, das Unbequeme. Zuhören ist nämlich nicht einfach nur die Zeit, die ich überbrücken muss, bis ich selbst wieder reden kann.
Menschlichkeit war nie effizient. Aber sie war immer das, was uns getragen hat. Wir müssen Menschlichkeit wieder neu aufladen und mal genau definieren.
Können wir Menschlichkeit bewahren, wenn wir sie zunehmend an Technologie delegieren?Und wo ziehen wir die Grenze – zwischen Entlastung und Entfremdung?

