Homeoffice ist wunderbar! Oder?

„Ach, herrlich! Endlich kann ich meine Arbeit machen, wenn es mir passt! Ich verschwende keine Zeit mehr für den Arbeitsweg, steck mich im Bus nicht an, muss nicht rumsitzen, wenn ich nichts mehr zu tun habe, brauche Kollegen, die ich nicht mag, nicht mehr auszuhalten und auch mein Chef guckt mir nicht mehr sooft über die Schulter. Ich mache meinen Job termingerecht fertig und dann gebe ich ihn ab. Mein Chef spart auch noch die Büromiete und meldet sich nur noch ab und zu ganz konzentriert per Videocall. Böse Blicke auf dem Flur und lästern in der Küche bekomme ich gar nicht mehr mit.“

Ganz viel überflüssiger Stress fällt weg. Und ganz viel neuer kommt dazu.

Huch! Ich kann mich gar nicht mehr konzentrieren, weil ich plötzlich nicht mehr im Büro sitze und den Kopf theoretisch auf meine Arbeit konzentrieren kann, sondern zuhause, wo ich mich eigentlich um einkaufen, lesen, schlafen, an die Decke gucken, Kinder, Hund, kochen, sauber machen, spielen, Hund kämmen, Rechnungen, Nachbarn, Homeschooling, Familie, Kosmetik, Haushalt etc. kümmere. Wie soll ich das denn jetzt alles unter einen Hut bringen? Und es ist niemand da, der mir mal bei einem technischen Problem eben mal schnell helfen kann. Das Umfeld war vorher immer privat, persönlich geprägt und im Idealfall immer der Ort zum Kraft und Energie tanken. Nun zieht plötzlich mein Berufsumfeld mit ein und sieht, wie es bei mir aussieht, wer alles im Bild erscheint und dass ich gar kein Arbeitszimmer habe, sondern auf dem Sofa oder in der renovierungsbedürftigen Küche sitze.

Wenn man sehr, sehr diszipliniert ist, bekommt man diesen Spagat gut hin und ist in der Lage sich auf all die Themen zur entsprechenden Zeit zu fokussieren, um weiterhin produktiv zu sein und am Ende des Tages das Gefühl zu haben, etwas geschafft zu haben und nicht total frustriert festzustellen, dass man es mal wieder niemandem Recht gemacht hat. Es ist etwas anderes, wenn Mami gerade nicht kommen kann, weil sie im Büro ist oder nebenan auf dem Sofa, arbeitet – wo sonst gekuschelt wird – und sagt, sie kann nicht kommen, weil sie sich auf die Ausformulierung des Satzes konzentrieren muss.

Von 500 befragten Unternehmen, wussten 40% im März noch nicht, wie sie Mitarbeiter on boarden, die am 1. April neu anfangen. Auch sie müssen aus dem Homeoffice einen neuen Job starten. Ich könnte mir vorstellen, dass die Identifikation und Zugehörigkeit nicht ganz leicht herzustellen ist. Ganz zu schweigen vom Verständnis und Gefühl für Strukturen, Kollegen, Prozesse etc. Selbst wenn es technisch gut läuft, weil es mittlerweile gute Tools für die Kollaboration gibt, man ist doch allein zuhause mit sich und all den anderen privaten Themen, denen man sich nicht – wie sonst – mal 8 Stunden entziehen kann. Was sehr angenehm sein kann.

Mein Sohn hat es neulich wunderbar formuliert:

„In der Schule ist man anwesend. Im Videocall ist man ganz woanders.“

Mitarbeiter an das Unternehmen zu binden, ist ein zutiefst menschliches Thema geworden, das mit Geld, Technik oder Methoden nur wenig zu tun hat. Es geht um Empathie und Einfühlungsvermögen für die Situation jedes einzelnen. Denn der Mitarbeiter geht nicht mehr ins Unternehmen und lässt sein Privatleben idealerweise zuhause, sondern er nimmt das Unternehmen mit in seine tiefste Privatsphäre, seinen eigentlichen Rückzugsort, sein zuhause. Wenn man die Empathie für diese Situation, die bei jedem unterschiedlich ist, nicht in seinen Prinzipien verankert, ist der Mitarbeiter genauso schnell wieder weg, wie der Kunde online, weil er woanders ein besseres Angebot bekommt.

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